Veneto – Winterlicher
Gaumen- & Augenschmaus

Wenn man in den Wintermonaten in der Provinz Treviso übers Land fährt, entdeckt man nicht selten Bauern bei der späten Ernte. 

01.01.2020

Wenn man in den Wintermonaten in der Provinz Treviso übers Land fährt, entdeckt man nicht selten Bauern bei der späten Ernte. Zu neugierig, um dies einfach so hinzunehmen, konnte ich nicht anders als mich der Nachschau wegen einzubremsen. Schnell wurde mir klar, dass es sich um den Radicchio tardivo di Treviso handelt, den adeligen Schönen unter den Blattsalaten. Wirkt er am Feld ob der winterlichen Verhältnisse ein wenig zerknirscht, entfaltet er sich nach kalter Waschung – Kneipp-Behandlung für Gemüse - als wahre Schönheit.

In der Küche der Region hat der Radicchio tardivo einen ähnlichen Stellenwert wir bei uns der Spargel im Marchfeld. Dies gleich in zweierlei Hinsicht. Zum einen als gesundes Lebenselixier, da er die freien Radikale bekämpft, gut für die Leberfunktionen ist und auch Galle und Darm optimal zuarbeitet. Reich an Vitaminen und Mineralstoffen dient er zudem als optimaler Ballaststofflieferant.

Zum anderen ist er in der Küche mannigfaltig einsetzbar. In gehobenen Landgasthäusern werden ganze Radicchio-Menüs angeboten. So durfte ich eine Speisenfolge der wintergemüsigen Extraklasse genieße. Serviert wurde Racicchiocremesuppe mit Scampi und Lauch, gefolgt von Tortelli mit Radicchio-Gänsebrust-Füllung in Thymianbutter, sowie ein Radicchio-Risotto der besonders cremigen Art. Ganz zu schweigen von der Pistazien-Radicchio-Tarte. Das nahe Proseccogebiet sorgte für eine rundum perlende Begleitung ...
 

Es geht aber auch einfacher. In der Pfanne in Olivenöl vorsichtig angebrutzelt und mit Aceto Balsamico beträufelt ist er ein optimaler Begleiter zum jedem Steak. Als Vorspeise wurde mir vor Ort auch folgende wunderbare Köstlichkeit gezeigt: Man nehme ein paar Scheiben frischer (also weicher und nicht zu fettarmer) Salami, brate diese scharf für 1 – 2 Minuten in Olivenöl an und vermenge sie dann in kleine Stücke gerissen mit Radicchio (dafür eignen sich alle Sorten des roten Salatwunders), darüber eine fruchtige Mischung aus Olivenöl und Vinaigrette und schon hat ein getoastetes Weißbrot die richtigen Freunde gefunden! Im letzten Satz verpackte ich die wichtige Information, dass es im Veneto natürlich nicht nur den Radicchio tardivo di Treviso gibt. Radicchio wächst in fast schon unübersichtlicher Vielfalt zwischen Treviso und Chioggia. Darunter schmackhafte Exemplare mit klingendem  Namen wie Rosso di Verona oder Variegato di Castelfranco.

Den fast schon poetischen Abschluss dieser kleinen Winterreise ins Veneto macht Elio Zorzi, der 1928 in der „Osterie Veneziane“ schrieb: „Radicchio von Treviso ist eine essbare Blume: wenn man sie auf den Tisch bringt, ohne sie zu würzen, so scheint sie in der eigentlichen Hausfrauen-Salatschüssel ein Bündel Orchideen in einer kostbaren Porzellanschüssel“.

Quellenverweis:
Text  - Martin Martschnig/italissimo.at
Fotos –  Consorzio Radicchio di Treviso e Variegato di Castelfranco Igp

 

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